Texte

Zur Verfügung gestellt von RASH & Ultras Babelsberg – Auszüge aus dem Ultrash Unfug
AFA-Strukturen in Ex-Jugoslawien
Themenschwerpunkt: Ehemaliges Jugoslawien

AFA-Strukturen in Ex-Jugoslawien

Über linke Strukturen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens ist hierzulande kaum etwas bekannt. Wenig überraschend ist die Tatsache, dass die linken Szenen im Vergleich zu den Ländern in Westeuropa sehr klein sind und mit vielen essentiellen Problemen zu kämpfen haben. Eine Infrastruktur bestehend aus szeneeigenen Treffpunkten, Partylocations, Werkstätten, Druckereien usw. ist kaum bis gar nicht vorhanden. Stattdessen gibt es eine Reihe von sozialen und politischen Problemen in den Nachkriegsgesellschaften auf dem Balkan, über die an anderer Stelle in diesem Heft bereits berichtet wurde. Doch trotz dieser beschissenen Ausgangslage gibt es einige sehr engagierte Gruppen, die aktiv gegen Nationalismus, Faschismus, Sexismus und Homophobie vorgehen.
Die größte Gruppe in Serbien ist die Antifaschistische Aktion Novi Sad (Afans), aus der nordserbischen Hauptstadt der Vojvodina Region. Die Afans gibt es seit ca. zehn Jahren und ihre Arbeitsschwerpunkte sind klassische Antifa- Arbeit. Erfolgreiche Aktivitäten der letzten Jahre sind die alljährlich im November am Tag gegen Faschismus stattfindenden Festivals, die mehrere Hundert junger Menschen erreichen. Außerdem gab es 2007 eine große Antifa-Demo mit etwa 5.000 Teilnehmer_innen gegen einen Aufmarsch der Neonazi-Kameradschaft „Nacionalni stroj“. Seit einigen Wochen gibt es auch einen von anderen Leuten organisierten Infoladen und seit einigen Jahren bereits das „Schwarze Haus“ (CK13), das der alternativen Szene in Novi Sad als Treffpunkt und Party- bzw. Konzert- Location dient. In der serbischen Hauptstadt Belgrad ist die linke Szene in ideologischen Strömungen zersplittert und zahlenmäßig (für eine Millionenstadt) sehr klein, sodass ihre gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten und die öffentliche Wahrnehmung eher gering sind. Immerhin gibt es ein sehr sympathisches, einer Gartensparte ähnelndes Häuschen und einen frisch eröffneten Infoladen, wobei diese Orte öffentlich agieren, um Problemen vorzubeugen. Bekannt geworden ist die linke Szene Belgrads vor allem durch die unrechtmäßige Inhaftierung von sechs Anarchist_innen 2009, welche die griechische Botschaft attackiert haben sollen.
Leider gibt es kaum Kontakte zwischen den Aktivist_innen der relativ nah beieinander liegenden Städten Belgrad und Novi Sad, wodurch der Szene insgesamt sicher einiges an Potential flöten geht. Allerdings haben beide Städte gute Kontakte nach Zrenjanin, einer kleinen, ebenfalls in der Vojvodina liegenden Stadt. Auch dort gibt es seit einigen Jahren eine aktive Szene, die ebenfalls alljährlich ein Antifa- Festival organisiert. Darüber hinaus gibt es auch noch Aktivist_innen in südostserbischen Niš, die angesichts ihrer geringen Anzahl und den dortigen Neonazi- Aktivitäten einen richtig schweren Stand haben. Ansonsten gibt es hier und dort sicher noch aktive Leute, aber keine richtigen, arbeitsfähigen AFA- Strukturen.
In Kroatien konzentrieren sich antifaschistische Aktivitäten auch an wenigen Orten. In der Hauptstadt Zagreb gibt es die Antifa Zagreb (Interview im Heft), die sich als eine Jugendorganisation einer Partisan_innenvereinigung versteht, wodurch deren Räumlichkeiten für Treffen genutzt werden können. Im vergangenen Jahr organisierte die Antifa Zagreb erstmals eine „Antifa Nacht“ mit verschiedenen Konzerten. Eine gute Zusammenarbeit besteht mit den „White Angels“ vom NK Zagreb, der einzigen linken Fangruppe in Kroatien. Neben einigen alternativen, aber kommerziellen Clubs und Bars gibt es das aus einem Squat hervorgegangene „Medica“, das heute ein von der Stadt unterstütztes alternatives Zentrum für Konzerte, Ausstellungen, Treffen etc. ist. Inspiriert von den Protesten in der arabischen Welt wurde auch in Kroatien via Facebook und andere soziale Netzwerke zum Widerstand gegen die korrupte Regierung aufgerufen. In vielen Städten, allen voran in der Hauptstadt Zagreb, gingen regelmäßig Hunderte und Tausende auf die Straßen. Allerdings beteiligen sich an den Proteste gleichermaßen linke, als auch rechte Gruppen, sodass bis auf die Rücktrittsforderungen keine politischen Ziele formuliert werden. Insgesamt ist die Situation in Zagreb besser als z.B. in Belgrad, da es kaum organisierte Neonazis oder einflussreiche rechte Strukturen gibt. So kann die Zagreb Pride nach anfänglichen Problemen im Jahr 2002 alljährlich weitestgehend störungsfrei ablaufen. Mittlerweile gibt es sogar zahlreiche Solidaritätsbekundungen von Passant_innen, ein Zustand, der in Belgrad so leider undenkbar ist. Die meisten Probleme in Zagreb und allgemein in Kroatien gibt es mit rechten Hooligans, die politisch nicht organisiert sind, aber mitunter gewalttätig gegen Andersdenkende vorgehen. Neben Zagreb gibt es in Pula noch eine aktive Szene. Pula ist mit 60.000 Einwohner_innen die größte Stadt der traditionell als linke Region bekannten Halbinsel Istrien. Seit 1992 findet in Pula das Monteparadiso, ein großes Hardcore- und Punkrock Festival, statt. Doch nicht nur das: Auch in Pula gibt es ein alljährliches Antifa-Fest. Außerdem gibt es im Ort das soziale Zentrum Rojc, ein ehemaliges besetztes Haus, das mittlerweile öffentlich gefördert wird und auf über 16.000 Quadratmetern Nutzfläche von mehr als 100 Gruppen und NGO´s genutzt wird.
In Bosnien & Herzegowina gibt es lediglich in der Föderation Bosnien & Herzegowina – nicht aber in der Republika Srpska – antifaschistische Strukturen. Die aktivste Antifa- Gruppe kommt aus der in einen muslimischen Ostteil und einen kroatischen Westteil gespaltenen Stadt Mostar. Die Verhältnisse in der Stadt lassen sich gut am Straßenbild ablesen. Während in Ost-Mostar recht viele Antifa- Sticker und Parolen zu sehen sind, prägen im kroatischen Teil viele rechte und faschistische Schmierereien das Straßenbild. Im vergangen Jahr wurde im Sozialen Zentrum OKC Abrašević erstmals ein Antifa- Festival organisiert, das erfolgreich über die Bühne ging. Auch in Sarajevo gab es 2010 ein erstes Antifa-Festival, allerdings ohne Konzerte sondern mit Workshops und Diskussionsrunden. In der Hauptstadt gibt es bis auf ein alternativ geprägtes Kino/Theater mit Bar keine Szene-Lokalitäten. Eine Antifa-Gruppe gibt es in Sarajevo noch nicht, da innerhalb der linken Szene in Bezug auf Themen wie Homophobie noch kein gemeinsamer, in jeder Hinsicht antifaschistischer Konsens formuliert werden konnte. Insbesondere Themen wie Homophobie und Mackerverhalten spiegeln die Diskrepanz zwischen eher traditionalistischen und eher progressiven Antifas ziemlich deutlich wider, denn es gibt viele Gruppen, die sich aus den unterschiedlichsten linken Strömungen zusammensetzen. Derzeit wird versucht, die antifaschistischen Strukturen in Bosnien & Herzegowina stärker miteinander zu vernetzen, um mehr von der Arbeit der anderen mitzubekommen.
In Jugoslawien gab es vor dem Krieg eine breite und sehr aktive subkulturelle Szene, doch die Kriege der Neunziger Jahre haben eine weitere Entwicklung gestoppt. Angesichts der vielen sozialen und politischen Probleme und dem Mangel an geeigneten Infrastrukturen ist es schwierig, wirksame antifaschistische Arbeit aufzubauen. Doch die positiven Entwicklungen in den letzten Jahren machen Mut. In vielen Städten gab es erstmals Antifa- Festivals und auch die Vernetzung untereinander wird schrittweise verbessert. Leider gibt es noch sehr wenige, explizit antifaschistische Bands, wohingegen im oft als hoffnungslos verloren geglaubten Bereich Fußballfankultur zaghafte Fortschritte erkennbar sind.

Themenschwerpunkt: Ehemaliges Jugoslawien

Jugoslawien galt vielen Linken als das Projekt, das dem Ideal des Sozialismus bisher am nächsten kam. Das Land war blockfrei, d.h. es gehörte weder zum von der Sowjetunion dominierten militärischen Warschauer Pakt, noch zum „Westen“ und der NATO. Die Menschen in Jugoslawien hatten Reisefreiheit, der Lebensstandard war relativ gut und die staatliche Bevormundung war im Vergleich zu anderen „sozialistischen“ Staaten geringer. Trotzdem verschwand auch dieses Staatsprojekt im Zuge der Umwälzungen in Osteuropa.
Der folgende Text, der die Bedingungen des Zerfalls Jugoslawiens und das Entstehen sowohl neuer Staatengebilde als auch ein (Wieder-)Erstarken von einzelnen Nationalismen beschreiben soll, ist ein Gastbeitrag von einem Mitglied der AFANS.

Krise und Zerfall Jugoslawiens

Titos Tod sorgte für Trauer allerorten. Spielabbruch bei Hajduk Split - Partizan Belgrad 1980

Ende der 80er Jahre befand sich Jugoslawien in einer tiefen sozialen, politischen und organisatorischen Krise. Nach dem Tod von Josep Tito 1980 (siehe Glossar) begannen viele der bereits bestehenden Probleme deutlicher hervorzutreten.
In dieser Zeit bestand der Staat Jugoslawien aus sechs Republiken (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien und Mazedonien). Zusätzlich gab es in Serbien zwei so genannte autonomen Provinzen – Kosovo und Vojvodina.
1981 begannen, initiiert von Serbien, das mit dem existierenden System unzufrieden war, die ersten Auseinandersetzungen zwischen den politischen Strukturen der sechs Republiken und Provinzen. Ziel dieser Auseinandersetzungen waren konstitutionelle Veränderungen. Das Ringen darum gipfelte zwischen 1987 und 1989 in einer Serie von Protesten, die von der serbischen Regierung organisiert wurden (angeführt durch Slobodan Milosevic – siehe Glossar) und sich gegen die Führung im Kosovo und Vojvodina richteten. Die Absicht der serbischen Regierung war es, die vollständige Kontrolle über beide autonome Provinzen zu übernehmen. Doch nach erfolgreicher Durchsetzung dessen versuchte man das gleiche konstitutionelle Werkzeug zu benutzen, um auch die anderen jugoslawischen Republiken kontrollieren zu können. Auf diese Weise übernahm Serbien die Kontrolle in Montenegro, scheiterte aber in den anderen Republiken, allen voran Slowenien.

Neben den politischen Konflikten ist diese Zeit durch große ökonomische und soziale Probleme gekennzeichnet, so z.B. durch massive Arbeiterstreiks. Die Mischung aus sozialer, politischer und nationaler Unzufriedenheit stellte sich als eine gefährliche Kombination heraus, welche die Führung in Serbien allerdings für ihre Ziele zu nutzen wusste.
Eine Welle von Nationalismus, die zuerst in Serbien entstand, verursachte eine nationalistische Wiederbelebung auch in den anderen Teilrepubliken. Das machte sich während der ersten freien Wahlen 1990 bemerkbar, als pro-jugoslawische Parteien (also Parteien, die der Idee eines gemeinsamen Staatengebildes zugetan waren und Teilnationalismus ablehnten) unterlagen und die Wählermehrheit in allen Republiken durch nationalistische Parteien oder Kommunisten gewonnen wurde, welche sich einer nationalistischen Politik zugewandt hatten.
1991 eskalierten die Konflikte zwischen den Teilrepubliken und im Sommer jenen Jahres kam es zu ersten militärischen Zusammenstößen: erst in Slowenien, dann in Kroatien, wo die jugoslawische Armee angriff und die kroatische Stadt Vukovar belagerte. Nach diesen Ereignissen erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit. Hier muss auch die Rolle Österreichs und Deutschlands zwingend erwähnt werden. Beide Länder haben die Abspaltung Slowenien und Kroatiens und ihren Status als souveräne Staaten sofort anerkannt und somit erheblich zur Eskalation des Konfliktes beigetragen. Maßgeblich hierbei waren auch die traditionellen deutschen antiserbischen Ressentiments.
Da auch von Bosnien eine Unabhängigkeitserklärung erwartet wurde, kam es auch dort zu ersten Auseinandersetzungen, die sich im April 1992 zu einem Krieg potenzierten. Der Konflikt währte bis November 1995 und war geprägt von Massenmorden, ethnischen Säuberungen, Zerstörung der Infrastruktur, Internierungslagern und weiteren Kriegsgreueln. Das größte Verbrechen war das als Genozid klassifizierte Massaker in Srebrenica, als die Kräfte der bosnischen Serben 8000 Muslime (Bosniaken) selektierten und ermordeten. Die größte ethnische Säuberung fand im Sommer 1995 statt. Kroatische Kräfte vertrieben 200 000 kroatische Serben.
Einigen Angaben nach wurden während des Krieges in Jugoslawien zwischen 120 000 und 150 000 Menschen getötet (davon etwa 100 000 in Bosnien) und zwischen ein und zwei Millionen Flüchtlinge vertrieben.
Nach einer gewissen „Normalisierung“ in den Jahren 1996 und 1997 entstand 1998 erneut eine Konfliktsituation – diesmal im Kosovo. Die Auseinandersetzung zwischen dem serbischen Regime und den Albanern (Mehrheit der Bevölkerung im Kosovo) wurde ein internationales Problem und im Frühling 1999 griffen NATO-Kräfte, ohne UN-Mandat und mit deutscher Beteiligung, Serbien und Montenegro an, welche damals als Bundesrepublik Jugoslawien vereint waren. Der Krieg sollte den Konflikt im Kosovo stoppen, doch stattdessen verstärkte er ihn: täglich gab es Zusammenstöße im Kosovo, Bombardierungen serbischer Städte und zwischen 500 000 und einer Million Flüchtlingen. Der Krieg endete im Juni 1999 und Kosovo wurde internationales Schutzgebiet.

Politische und soziale Umwälzungen nach 2000

Proteste gegen Kosovo-Unabhängigkeit 2008

1999 fanden politische Umwälzungen in der Region des ehemaligen Jugoslawien statt. Franjo Tudjman (siehe Glossar), der Präsident Kroatiens, starb am Ende des Jahres und die demokratische Opposition übernahm die Führung. In Serbien kam es zu politischen Veränderungen nach den Wahlen im Oktober 2000 und einer Reihe von Protesten gegen Milosevic. Der serbische Präsident unterlag und zog sich nach 12 Jahren an der Macht zurück. Die politischen und nationalen Probleme setzten sich auch nach dem Jahre 2000 fort. In Mazedonien kam es 2001 zu Auseinandersetzungen zwischen den Kräften der Regierung und albanischen Paramilitärs. 2003 wurde der serbische Premierminister Zoran Djindjic (siehe Glossar) ermordet. Im Kosovo kam es 2004 zu Unruhen gegen die Serben, worauf Ausschreitungen und Übergriffe gegen die muslimische Gemeinschaft in Belgrad folgten.
Im Februar 2008 erklärte der Kosovo seine Unabhängigkeit. Dem folgten einige Tage später in Belgrad nationalistische Massenausschreitungen, organisiert durch rechtsorientierte Fußballfans und faschistische Gruppierungen.

Neben nationalistischen Angriffen gegen Minderheiten oder Fremde ist die schwul-lesbische Gemeinschaft das häufigste Ziel des Hasses im ehemaligen Jugoslawien. Homosexuelle sind Opfer der Attacken konservativer, klerikaler und faschistischer Gruppen, vor allem in Serbien. 2001 unterbrachen rechtsorientierte Fußballfans und Faschisten gewaltsam die Belgrade Pride (schwul-lesbische Parade). Ein weiterer Versuch 2010 misslang. Aber dieser Tag war gekennzeichnet durch einen Straßenkrieg zwischen 5000 Polizisten und 6000 Faschisten und Nationalisten. Diese rechten Gruppen wollten nicht nur die Pride verhindern, sondern sie griffen auch Regierungsgebäude und das Staatsfernsehen an.

Geistliche, Nationalisten und Faschisten Hand in Hand. Angriffe auf die Belgrade Pride 2010

Neben den politischen und nationalen Konflikten war das Ende der 1980er auch eine Zeit, in der sozial-ökonomische Veränderungen stattfanden. 1988 wurde der jugoslawische Sozialismus der „Arbeiterselbstverwaltung“ aufgegeben und Vorbereitungen für eine soziale Transformation eingeleitet. Zwischen den 90er und den frühen 2000er Jahren wurde der größte Teil des öffentlichen Besitzes Jugoslawiens privatisiert. Dieser Prozess führte zu sozialer Schichtung und Spaltung in eine neue reiche Elite und eine Mehrheit der armen Bevölkerung. Die Kluft zwischen reich und arm vergrößerte sich nach der Weltwirtschaftskrise 2008 immens, da das ehemalige Jugoslawien als typisches Land an der Peripherie des Kapitalismus die negativen Auswirkungen der Krise schnell zu spüren bekam. Die derzeitige Situation ist besser nachzuvollziehen, wenn man sie mit dem Jahr 1989 vergleicht, das als ökonomisch erfolgreichstes Jahr in der jugoslawischen Geschichte eingeschätzt wird. Analysen zufolge hat bisher nur Slowenien die Stufe des Entwicklungsstandes von 1989 erreicht, Kroatien wird dafür noch vier bis fünf Jahre brauchen, Serbien weitere zehn Jahre. Aktuelle Arbeitslosigkeitsraten rangieren zwischen 20 und 25% in Kroatien und Serbien und zwischen 45 und 50% in Mazedonien und Kosovo. Ein Sozialhilfesystem (also etwas vergleichbares wie HartzIV) existiert nicht. Dies ist die momentane Situation und aktuelle Entwicklungen zeigen, dass sich die Lage in den nächsten Jahren noch verschlechtern wird.

„Normalisierung“ des Nationalismus

Die neuen Regierungen in den jugoslawischen Republiken haben auf verschiedene Weise die nationalistische Ausrichtung und Propaganda der Kriegsjahre fortgeführt, auch wenn ihr Nationalismus nicht so destruktiv ist wie der in den 90er Jahren.
Nationalismus wird vielmehr als Ventil für soziale Unzufriedenheit benutzt. Serbien ist hierfür ein typischer Fall. Die politische Führung nutzt den Kosovo für seine Zwecke. Wann auch immer soziale Unzufriedenheit wächst und sich Gehör verschafft, schürt die serbische Regierung eine anti-albanische Hysterie und erschafft Probleme um das Kosovo. Ähnlich funktioniert das Modell in anderen Ländern, zum Beispiel in Kroatien. Hier dirigieren kroatische Politiker soziale Unruhen gegen serbische Minderheiten oder gegen die EU.
Ein regelmäßiges Ziel nationalistischen Hasses sind die Roma. Sie werden in allen Ex-Jugoslawienstaaten diskriminiert und sozial ausgeschlossen.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Nationalismus, Xenophobie und Rassismus (einschließlich Antisemitismus) „normalisiert“ wurden und in der Mehrheitsmeinung in
Ex-Jugoslawien verankert sind. Nationalismus dominiert nicht nur die Politik, sondern auch das Alltagsleben – es ist „normal“, nationalistisch zu sein. Neben Nationalismus und anderen Formen des Ausschließens (und Dank des Einflusses neoliberaler Ideologie) wird auch der Sozialdarwinismus „normalisiert“: die Mehrheit der Menschen halten „unbarmherzigen Kampf ums Überleben“ einfach als „normalen“ Teil des Sozialverhaltens. Ideen der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit werden unterdrückt und vergessen. Und wenn einige politische Gruppen diese Begriffe benutzen, handelt es sich zumeist tatsächlich um Nationalisten und Faschisten, die ausschließlich von nationaler Solidarität und sozialer Gerechtigkeit innerhalb einer geschlossenen nationalen Gemeinschaft sprechen. Es ist „normal“, nur im nationalem Rahmen zu denken und jede andere Art des Denken und Handeln – welche nationale Einschränkungen überwinden will – ist automatisch „suspekt“.

Tschetniks mit deutschen Nazis im 2. Weltkrieg

Eine Sonderstellung im Prozess der „Normalisierung“ des Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien hat der Geschichtsrevisionismus, genauer gesagt die Unterdrückung und Fälschung der Vergangenheit, insbesondere der antifaschistischen Tradition. Es gibt eine gewisse „Nationalisierung“ des Antifaschismus, der ausschließlich als serbischer oder kroatischer Antifaschismus dargestellt wird. Das eigentliche jugoslawische Charakteristikum und der Internationalismus des in Jugoslawien gelebten Antifaschismus werden komplett ignoriert, verschwiegen und umgedeutet. Viele Kollaborateure, Faschisten und Nazi-Bewegungen des Zweiten Weltkriegs wurden im Zuge dessen als „nationale Helden“ rehabilitiert und zu „Opfern kommunistischen Terrors“ stilisiert. Mittlerweile wurden sie sogar als „echte“ Antifaschisten „entdeckt“. 2004 akzeptierte das serbische Parlament einen Gesetzesvorschlag, der Partisanen und die Tschetnik- Bewegung (siehe Glossar) des Zweiten Weltkriegs „gleichsetzt“, obwohl beide gegeneinander kämpften. All das bisher erwähnte ist Resultat der „Normalisierung“ des Nationalismus und der Grund, weswegen antifaschistische Gruppen und zivilgesellschaftliche Organisationen gegen Geschichtsrevisionismus kämpfen und dabei versuchen, die Erinnerung an Jugoslawiens antifaschistische Vergangenheit zu erhalten.

Rechte Strukturen in Ex-Jugoslawien

Im ehemaligen Jugoslawien gibt es eine Vielzahl neonazistischer Gruppen: als Einzelgruppen genommen, scheinen sie marginal zu sein, da sie nur aus ca. 20 bis 200 Mitgliedern bestehen. Aber diese Tatsache macht sie nicht weniger gefährlich und sie sollten nicht unterschätzt werden. In einigen Städten Sloweniens ( Maribor und Ljubljana), Kroatiens (Zagreb, Split, Osijek, Zadar) und Serbiens (Belgrad, Novi Sad, Nis) gibt es Neonazi Gruppen, die dem Blood&Honour Netzwerk angehören. Größer und einflussreicher hingegen sind klerikal-faschistische Gruppen. Diese Gruppen verbinden Elemente der faschistischen Ideologie und des religiösen Fundamentalismus: in Kroatien und den kroatischen Teilen Bosniens heben sie ihren katholischen Ursprung hervor, in Serbien den christlich-orthodoxen Hintergrund. In Bosnien, Teilen Serbiens (Sandschak – siehe Glossar) und dem Kosovo gibt es Gruppen islamischer Fundamentalisten mit Tendenzen zum Terrorismus.
Die Basis der rechten Bewegung in Kroatien besteht aus Kriegsveteranen, rechtsorientierten Fußballfans und kleinen chauvinistischen Parteien. Sie stehen in Verbindung mit Faschisten und Nazi – Gruppen in Ungarn, Deutschland und Österreich. In Bosnien teilen sich die rechten Strukturen nach Nationalitäten auf (Serben, Kroaten und Bosniaken/Muslime) und bestehen aus rechtsorientierten Fußballfans, Veteranen, paramilitärischen Gruppen und mehreren politischen Parteien. In Serbien ist die rechte „Szene“ weiter entwickelt und besteht aus einer Vielzahl größtenteils klerikal-faschistischer Gruppen, wie Obraz oder SNP Nasi 1389, einigen Studentengruppen, der Neonazi Kameradschaft „Nacionalni stroj“ und der ersten Neonazi-Partei Ex-Jugoslawiens NSP (New Serbian Programm). Diese Gruppen haben Kontakte zu Nazis in Russland, Tschechien, der Slowakei, Italien, Polen und Deutschland. Einige dieser Gruppen werden durch politische Parteien, einige Universitätsprofessoren oder B-Prominenten (Pop-Sängern, Fußballtrainern usw.) unterstützt.
Das Hauptproblem mit rechten Organisationen ist die offene Duldung ihrer Arbeit durch staatliche Strukturen. Wenn es zu Repressionen gegen Rechte kommt, versucht der Staat immer einen „Ausgleich“ durch Repressionen gegen Gruppen der linken Szene zu schaffen. Das ist die so genannte „Anti-Extremismus Politik“. Dies war auch in Serbien der Fall, als nach der Inhaftierung von rechten Anführern sechs Anarchisten durch die Polizei verhaftet wurden und sechs Monate ohne Urteil im Gefängnis saßen. Ähnlich ist die Situation in allen Ländern Ex-Jugoslawiens. Darum sind die Staatsstrukturen hauptverantwortlich für den wachsenden Einfluss nationalistischer und faschistischer Gruppen. Diese Politik der „Normalisierung“ des Nationalismus, der Xenophobie und des Faschismus wird sich vielleicht eines Tages rächen, sowohl an den Urhebern (der politischen Elite) und an den Menschen im ehemaligen Jugoslawien.